9.18. Oktober 2020

Online + Frankfurt am Main

Die B3, deren Basis das Storytelling ist, wird 2021 eine Sonderreihe mit Fokus auf Identität präsentieren. Der Fokus wird sich vor allem in den Beiträgen und Werken im „B3 Forum bewegtes Bild“ wiederfinden.

„Identität ist gelebte Realität die sich verändert, immer wieder.“ Das sagt die Kulturwissenschaftlerin, Journalistin und Schriftstellerin Mithu Sanyal in einem Interview. Sie hat mit Identitti gerade eines der Bücher zum Thema Identität auf den Markt gebracht.

Das Streben nach Identität ist einer der wichtigsten Motoren unseres Handelns. Im besten Fall genutzt, um das Selbst wertfrei und ohne Zwang zu definieren und zu verändern. Oft genutzt um sich einer Gruppe, einer Idee, einer Region oder einer Lebenseinstellung zugehörig zu fühlen. Im schlimmsten Fall kann das Streben des Einzelnen nach Identität ausgenutzt werden um Menschen zu manipulieren und durch vermeintliche Identitätsstiftung diese demagogisch zu missbrauchen.

Die Suche nach dem Wesenskern der Identität und nach deren Definition beschäftigt den Menschen von jeher, auch wenn der Begriff als solcher sich erst mit dem Beginn der Neuzeit etablierte.

Mit Blick auf die heutige Gesellschaft vollzieht sich die Herstellung der Identität im Spannungsfeld der Selbstwahrnehmung eines Individuums und den soziokulturellen Denkweisen und Kategorien seines Umfelds. Im Individuum selbst findet dann ein zweifacher Prozess statt: einerseits ist das die selbstständige Inkorporation aller außerhalb des Körpers getätigten Erfahrungen und Eindrücke, die im Gedächtnis als Wissensbestand gespeichert werden, und andererseits werden durch die individuelle Verarbeitung der sowohl extrinsischen Eindrücke und Zuschreibungen als auch der intrinsischen Wahrnehmungen situative Verhaltensweisen produziert. Sie werden in Abhängigkeit der sozialen Anforderungen, des Erfahrungswissens und der Selbstbilder angewandt.

Es handelt sich hierbei um die prozesshafte Identität, die die zeitgenössischen komplexen und vielschichtigen gesellschaftlichen Wirklichkeiten berücksichtigt und anhand derer die Vielfalt an individuellen Ichformen im Einzelnen erklärt werden können.[1]

Verliert der Mensch innerhalb dieser Prozesse aufgrund der sich immer intensiver wandelnden Gesellschaft seine Orientierung, können externe als unumstößlich angesehene Merkmale, wie beispielsweise „Nationalität“, als rettende identitätsstiftende Anker angesehen werden.

Wer Identität stiften kann hat Macht. Die Identifikation mit einer Sache, einem Menschen, einer Idee kann den Aufbau einer eigenen, einer intrinsischen Identität verhindern. Die narrative Macht liegt dann in Händen der identitätsstiftenden Sache, der Idee oder des Menschen.

Identität gibt uns aber auch Sicherheit und das Gefühl von Zugehörigkeit.

Identität hat viele Facetten und scheint heute gesellschaftlich wichtiger zu sein denn je.

2021 wird die B3 diese verschiedenen Facetten beleuchten und hinterfragen: Was bedeutet Identität für den Einzelnen, was für das Kollektiv? Was verbindet und was bindet? Welche Rolle spielt hierbei die Narration und deren künstlerische Umsetzung?

Oder sagen wir es in den Worten der eingangs bereits zitierten Autorin Mithu Sanyal: Sind wir vor allem Frauen oder Männer, Schwarze oder Weiße, Diskriminierte oder Teil der Dominanzgesellschaft – oder aber am Ende doch nur wir selbst? Was ist, wenn Hautfarben, Herkünfte und Identitäten in Wahrheit niemals eindeutig sind?…… (aus Identitti; Hanser Verlag 2021)

Nationale und internationale Künstler_innen werden sich in ihren Arbeiten und in Wortbeiträgen mit diesen Fragen ostentativ, tiefsinnig, berührend, bewegend und in jedem Fall unterhaltsam beschäftigen.

[1] Vgl. Abels, Heinz. Identität. Über die Entstehung des Gedankens, dass der Mensch ein Individuum ist, den nicht leicht zu verwirklichenden Anspruch auf Individualität und die Tatsache, dass Identität in Zeiten der Individualisierung von der Hand in den Mund lebt. Wiesbaden 2006. S. 242f und vgl. Butler, Judith. Das Unbehagen der Geschlechter. Gender Studies. Übers. von Katharina Menke. 17. Auflage. Frankfurt/Main [zuerst 1991] 2014. S.16f.